Die ADO-Busstation in Tulum ist ziemlich klein, etwas vernachlässigt mit leicht zerbeulten Sitzreihen und fortwährend halb überfüllt mit Leuten, Rucksäcken und Koffern, dazwischen irgendwelche alten, von der Sonne tiefbraun gegerbten Mexikaner, die hier vielleicht schon seit Jahrzehnten sitzen. Der Typ an der Absperrung ruft im ständig neu aufbrandenden Kommen und Gehen die Namen der Städte, in die der Bus fährt, der grade eingetroffen ist. Es kommt also beste Reisestimmung auf, als wir zurück aus Chichen Itza beim Umsteigen auf den Bus nach Chetumal warten. Von dort wollen wir am nächsten Tag per Boot über die Grenze nach Belize und über San Pedro auf Caye Ambergris nach Caye Caulker weiterreisen.

Der schmale Strandstreifen unter sich im Wind wiegenden Kokospalmen soll ein exotisches Inselparadies erster Sahne sein, vor allem weil es auf dem zweitgrößten zusammenhängenden Korallenriff der Welt liegt und unter Wasser absolut atemberaubende Erlebnisse zu bieten hat. Im Hol Chan Sanctuary des benachbarten Ambergris Caye kann man entlang eines unter Wasser liegenden Kanals per Schnorchel mit Ammenhaien und Stachelrochen schwimmen, und auch das übrige Riff hat von korallenbewachsenen Steilwänden und Canyons bis Meeresschildkröten und der Chance Seekühe zu sehen einiges zu bieten.

Also steigen wir in Tulum in den Bus nach Chetumal, um am nächsten Tag mit dem Boot über die Grenze nach Belize überzusetzen. Der Weg ist einigermaßen beschwerlich, weil wir es schaffen die längste und teuerste Variante nach Caye Caulker zu finden. In Chetumal laufen wir dreimal vom Hotel zum Ticketschalter im Hafen, bis endlich jemand da ist und uns Tickets auf die Trauminsel verkauft. In Mexiko gibt’s für sowas natürlich keine regelmäßigen Öffnungszeiten, und uns sitzt die Angst im Hinterkopf, dass das Boot normalerweise ziemlich schnell ausverkauft sein soll. Aber alles klappt, wir reisen formal aus Mexiko aus und donnern über das karibische Meer in Richtung Belize davon. In San Pedro auf Caye Ambergris werden wir in Mundschutz und Gummihandschuhen zur Einreise erwartet, und nachdem wir uns jeder einzeln die Hände desinfiziert haben, heißt uns der schöne Karibikstaat mit offenen Armen willkommen. Schon am Bootssteg der Grenzstation sehen wir die ersten riesigen Stachelrochen durch das Fläche Wasser ziehen! Wir sind von den Socken. Zwei Stunden später landen wir in der schnell untergehenden Sonne auf Caye Caulker und fallen erstmal müde ins Bett.

Für viele Menschen ist Caye Caulker einer dieser einzigartigen, wunderschönsten Orte auf der Welt, von denen es nur noch ganz wenige gibt. Ein Platz, von dem viele nicht mehr weg wollen. Die Insel ist tatsächlich ein Aussteiger- und Backpackerparadies und hat, meiner Meinung nach, auch noch ein einzigartiges Flair, eine lebendige, fröhliche Seele, es ist tatsächlich ein Ort, an dem das Leben aus ganz einfachen Gründen sehr sehr großartig sein kann. Das Meer schimmert allzeit azurblau bis türkis und man kann vom Steg aus metergroße Rochen beobachten (von den riesigen anderen Fischen abgesehen), der warme karibische Wind streicht unablässig durch die Kokospalmen und überhaupt blüht und wächst alles in übernatürlich sattem grün als gäbe es kein Morgen mehr. Das Essen springt aus dem Meer auf deinen Teller. Was bei uns Tauben sind, sind hier eben Pelikane. Es ist also alles da, um einfach nur loszulassen und nie wieder zurück zu kehren. Ganz viele australische, britische und kanadische ältere Senioren haben offensichtlich genau das gemacht, und tappern, ihrem Lebensinhalt folgend, von dem allseits einzig wichtigen Termin des Tages, den Sonnenuntergang auf der Lagunenseite anzuschauen (und die Leute haben zum letzten Sonnenstrahl tatsächlich geklatscht, und die Sonne hatte tatsächlich wunderbare Arbeit abgeliefert diesen Tag), in ihre Lieblingsstrandbar, um sich mit ihren Freunden zu treffen.

Wir versuchen uns so gut wie möglich ins Bild einzufügen, hängen den ganzen Tag am The Split in der Summe rum, wo ein schmaler Kanal die Insel in zwei Teile teilt. Tauchboote und Katamarane fahren ein und raus, legen an, bringen Kreuzfahrt-Touristen, Leute schnorcheln, Kinder Fischen mit Speeren und füttern mit ihrem Fang die Möven und Pelikane. Wir trinken Bier unter dem Sonnenschirm und arbeiten an unserem Teint. An zwei Tagen muss die Sara leider arbeiten, was sich zwar problemlos aus dem Liegestuhl erledigen lässt, aber für einige Einheimische einen sonderbaren Eindruck hinterlässt. Abends essen wir Honey-Garlic Chicken aus dem Smoker, vor dem am Straßenrand eine Big Mama steht, die wirklich weiß wie Barbecue geht. Manchmal liegen wir in der Hängematte vor dem Coffee Shack und schlürfen Iced Coffee und Mango Shakes. Die lockere kreolisch-karibische Attitude, stark gewürzt mit Rastafari-Vibes wickelt uns um den Finger bis auch wir uns immer langsamer bewegen, weil ja auch an jeder zweiten Palme der verbindliche Warnhinweis steht: Go slow! Auf der ganzen Insel finden wir viele Fahrräder, aber keins mit Bremsen, und statt Autos kurft man ausschließlich mit Golfkarts über die sandigen Wege. Spätestens zum Sonnenuntergang kommt Festivalstimmung auf. Man begreift mit der Zeit, was viele Menschen sehr lange hier hält.

Schreibe ich jetzt auch was über die nicht so großartigen Seiten? Denn wer sich mit offenen Augen etwas weiter verläuft, stellt fest, dass es auch einen Teil gibt, in dem plötzlich nichtmehr vor jeder Hütte ein Pool steht. Wo die Locals in Bretterbuden zwischen zumindest kleineren Müllhaufen wohnen, obwohl die Insel selbst für uns eigentlich viel zu teuer ist. Über die zehn Bootsladungen Kreuzfahrt-Touristen, die krebsrot gebacken den Massentourismus auf die kleine Insel spülen, braucht man sich gar nicht erst aufregen, wenn man selbst (Rucksack-) Tourist ist und die halbe Insel nur aus Restaurants, Hotels, Diveshops und Bars besteht. Und obwohl man dauernd angesprochen wird, jetzt ne Schnorchel-Tour zu machen ist es hier einfach schön, und die Leute die hier leben haben sich irgendwann entschieden, Restaurants und Bars und Diveshops zu eröffnen und das alles mit andern zu teilen. Nur die Supermärkte gehören wohl allesamt irgendwelchen Chinesen und sind aus diesem Grund das Übel schlechthin für den moralisch bewusst reisenden Backpacker. Jeder wie er will. Ich fand es hauptsächlich sehr großartig auf Caye Caulker und wäre sicher noch ewig geblieben, wenn uns am nächsten Morgen die Umstände nicht leider rücksichtslos aus unseren Karibikinselträumen gerissen hätten.

Denn am 15.März holt leider auch uns die Corona-Krise ein und ändert schlagartig alle unsere Pläne. Nachdem vor ein paar Tagen die Grenze zu Guatemala geschlossen wurde und damit Vulkane, Tikal-Ruinen und malerische Kolonialstädte ersatzlos von unserem Plan verschwunden sind, überschlagen sich jetzt die Ereignisse. Eigentlich wollten wir heute Vormittag die Charlotte hier auf Caye Caulker treffen, aber sie kann früh morgens schon nichtmehr von Mexiko nach Belize einreisen, weil niemand mehr durchgelassen wird, der in den letzten 30 Tagen in Deutschland war. Die Grenze zu Honduras, wohin wir zusammen weiterreisen wollen, ist angeblich mittlerweile auch geschlossen. Also wollen wir uns in Mexiko treffen, und Sara und ich versuchen erstmal unsere verlängerten und für Charlotte gebuchten Zimmer zu stornieren. Immerhin gibt’s den halben Preis erstattet, und wir gehen los ein Bootsticket zurück nach Mexiko zu kaufen. Aber der Weg, auf dem wir gekommen sind, ist keine Option mehr: beide Bootsgesellschaften nach Chetumal haben den Betrieb eingestellt. Ist die Grenze zurück auch schon geschlossen? Wir kaufen also Tickets nach Belize City und wollen von da versuchen, mit dem Bus nach Mexiko zu kommen. Wir hören die unterschiedlichsten Gerüchte, aber weil für uns Mexiko der bessere Ort ist, falls wir in einem Land steckenbleiben und vor allem weil wir unbedingt die Charlotte treffen wollen ist es ein Versuch definitiv wert. Wir packen, es gibt Frühstück und gegen 12 legt das Boot ab und unser Rastafari-Kapitän donnert mit Höchstgeschwindigkeit durch die nach wie vor atemberaubende Inselwelt des Belize Barrier Reef.

Sara muss gelegentlich unter widrigsten Umständen hart Arbeiten, während ich schwimmen gehe.

Am Hafen in Belize City scheint es auch erstmal gut zu laufen: statt am Busbahnhof den ADO-Bus um 19.30 zu nehmen, der vielleicht irgendwann gehen Mitternacht in Bacalar/Mexiko ankommt, lassen wir uns von irgendwelchen Indern aus dem Hafenkiosk Bustickets andrehen für einen Bus, der in ner halben Stunde losgeht. Und 10% Rabatt gibt’s im indischen Restaurant nebenan auch noch, falls wir zufällig noch was essen wollen! Also lassen wir uns blaue Papier-Armbänder umkleben, fahren mit einigen andern Backpackern und unserem indischen Busguide zum Busbahnhof und warten. Der restliche Tag wird zu einer Geduld- und Zerreißprobe: wo ist unser indischer Freund? Wo unsere Mitreisenden, die wir schon vom Boot nach Caye Caulker kennen? Wann geht’s los? Das übliche Chaos und hin- und her, aus dem Reisen in solchen Ländern eben grundsätzlich besteht. Wir bleiben relaxed, aber was wirklich an den Nerven arbeitet sind die hin- und her wabernden Gerüchte. Der ADO-Bus, den wir ursprünglich nehmen wollten fährt garnicht mehr. Schonmal Glück gehabt, dass wir uns haben anquatschen lassen. Aber was wird an der Grenze passieren? Ist die noch offen oder schon lange zu? Nach zwei Stunden kommt ein Bus, es ist der richtige, und wir steigen ein. Haken unsere Namen in einer Liste ab. Einzelne andere Passagiere werden nochmal kontrolliert, es gibt noch einiges hin- und her und wir fühlen uns wie Flüchtlinge die gleich auffliegen und aussortiert werden und aus dem vermeintlichen Bus in die Freiheit gezerrt werden. Aber irgendwann geht die Bustür endlich zu, der Busfahrer setzt zurück und wir Kurven durch irgendwelche zwielichtigen Gangsterviertel von Belize City davon. Wie sind einfach nur mega erleichtert.

Zum Sonnenuntergang kommen wir endlich zur Grenze. Ausreisen aus Belize geht schonmal ganz normal, und als wir im Niemandsland auf einem schummrigen Parkplatz auf die restlichen Passagiere aus unserem Bus warten kochen die Gerüchte nochmal komplett hoch: unser Busfahrer meint, nur Mexikaner könnten noch einreisen, dann angeblich doch noch jeder. Andere sind in heller Aufregung weil kein ADO-Bus mehr nach Cancun zu gehen scheint, viele wollen nur noch zum Flughafen und nach Hause. Wir fahren weiter über den Hondo-Fluss, und bis wir zum mexikanischen Grenzposten kommen sind meine Nerven zum zerreißen angespannt. Aber hier, verlassen und verwahrlost im gefühlten Nirgendwo sitzen nur einige genervte Grenzbeamte, die uns lustlos abfertigen als wäre nichts gewesen. Keiner hat Mundschutz oder Gummihandschuhe, keine Hände müssen desinfiziert werden, das einzige Problem scheint zu sein, dass alle Einreisekarten nur auf 7 Tage Gültigkeit limitiert werden, weil die Kasse für die Einreisesteuer schon geschlossen hat. Die 20 Dollar werden wir wohl einfach bei der Ausreise nachzahlen müssen. Ein total übermüdeter Grenzsoldat bewacht noch missmutig den Gepäckscanner, durch den unsere Sachen noch durchgeschleift werden, aber die Frau am Monitor schaut schon längst wieder auf ihr Handy. Erleichtert und genauso müde steigen wir wieder in den Bus und es geht weiter.

Unser Tagewerk ist also vollbracht! Wir sind wieder in Mexiko, das uns mit ganz besonderer Gastfreundschaft und offenen Armen empfängt: beim Umsteigen in Chetumal wechseln wir nochmal den Bus, und als wir endlich alle verschwitzt und nervlich fertig und übermüdet im Minivan sitzen, steckt der Busfahrer grinsend den Kopf in die Tür und teilt an alle eiskalte, kostenlose Coronitas aus! Ich kann es nicht fassen, und habe zufällig auch grade wahnsinnigen Durst! Hat jemals ein Bier besser geschmeckt?!

Peter.

Kategorien: Weltreise 2020

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