Das Wetter könnte besser nicht, als wir von Xcalak aus zu unserem ‘Roadtrip ins Landesinnere’ starten. Wir wollen also endlich das machen, wofür wir den Mietwagen überhaupt haben: ins verwilderte, ursprüngliche, authentische Kernland der Maya-Kultur vorstoßen, unabhängig von Busstrecken und Fahrplänen, weit weg von den monströsen, künstlichen Strandresorts, Vergnügungsparks und überlaufenen Stränden der Riviera Maya. Und es gibt auch einiges zu sehen: verschlafene kleine (indigene?!) Maya-Dörfer, in denen man angeblich Workshops über Maya-Heilkunde machen kann, Maya-Ruinen und Ausgrabungsstätten an jeder Ecke von der Sorte, die nicht völlig von Pauschaltouristen überlaufen sind, und zur Erfrischung gibts überall versteckte Cenoten, die man sich nur mit wenigen anderen teilt. Wir planen seit Tagen, einfach ins Blaue rein zu fahren, und eigentlich gibts durch den dichten Dschungel, der die ganze Halbinsel von Yucatan bedeckt, sowieso nur sehr wenige Straßen. Da wir schon nicht nach Guatemala und Honduras gekommen sind, wollen wir wenigstens in Mexiko das Beste draus machen und endlich wie ordentliche Backpacker abseits des allzu offensichtlichen Mainstrams unterwegs sein, statt nur am Strand rumzutingeln und uns wie Ballermann-Touris in der Sonne zu aalen.

Außer irgendwann in Valladolid anzukommen, haben wir also kein richtiges Ziel. Unterwegs stellen wir fest: Die verwunschenen authentischen indigenen Maya-Dörfer sind natürlich nur ein paar ärmlich zusammengenagelte Bretterhütten mit brennendem Müll davor, vor denen Hunde kläffen und maximal gelangweilte Mexikaner uns halbmüde nachblicken. Aber zu Hause laufen wir ja auch nicht mit Mistgabel in Lederhosen durch die Gegegnd, um die seltsamen Erwartungen irgendwelcher asiatischer Touristen zu erfüllen. Dafür ist es großartig, stundenlang auf den zugewachsenen Straßen durch eine echte tropische Wildnis zu fahren, ohne irgendwem zu begegnen. Ein Ast auf der Straße hüpft beim Vorbeifahren panisch in die Höhe und ist zu meinem Schreck doch eine Schlange, die sich auf dem Asphalt gesonnt hat. Ab und zu hängen viele Plastikflaschen an einzelnen Bäumen am Straßenrand, die markieren, dass hier ein Pfad irgendwohin in die Wildnis führt, wo jemand wohnt. Ohne Flaschenmarkierung würden die Leute bei den 50 Km schnurgeradeaus verlaufenden Straßen wohl nichtmehr nach Hause finden und niemals Besuch bekommen.

Die nächste Zeit beschäftigen wir uns viel mit unseren permanent umgebuchten Flügen nach Neuseeland, mit Einreisebestimmungen in die USA, Fidschi und Neuseeland und optionalen Heimflügen nach Deutschland. Es wird immer deutlicher: wir können wahrscheinlich nicht weiterreisen. Auf den Straßen sieht man jetzt auch hier in Mexiko die Auswirkungen der Corona-Pandemie: immer mehr Menschen laufen mit Mundschutz rum, vor einigen Banken bilden sich immer häufiger riesige Schlangen. Polizei-Pickups sehen wir im Viertelstunden-Takt rumfahren und an vielen Ecken stehen Polizisten. Am Ortseingang und an vielen Straßensperren auf dem Land werden alle Autos von bewaffneten Soldaten angehalten und bei jedem die Temperatur gemessen. Unser Hotel entvölkert sich auch über die Tage zusehends. Zehnköpfige französische Familien verschwinden Hals über Kopf, weitere reisen den nächsten Tag ab, irgendwann gibt es nurnoch uns und ein anderes Pärchen. Die Jungs vom Hotel fangen schonmal mit Renovierungsarbeiten an und malen die Blumenverzierungen in der Rezeption nach.

Ohne längeren Zwischenstopp sind wir irgendwann in Valladolid. An der Rezeption im ‘Casa Daniels’, wo wir die nächsten Tage in Valladolid wohnen, hängt ein Poster mit allen Sehenswürdigkeiten der Region, das mein Herz sofort höher schlagen lässt und uns hoffnungsfroh das Gefühl gibt, dass die Reise hier erstmal wieder gerettet ist! Kleine Bildchen von romantisch zugewuchterten Maya-Tempeln reihen sich an unzählige spektakulär beleuchtete Cenoten und Tropfsteinhöhlen. Und Valladolid selbst beeindruckt mit historischer Kolonial-Architektur und stimmungsvoll in farbenfrohen Pastelltönen bemalten Straßenzügen. Die vielen aufwendig handgemalten Werbeschilder und Botschaften an den Wänden der Häuser zeugen von der hohen Stilsicherheit mexikanischer Kultur. Das Straßenbild ist eindeutig mexikanisch statt touristisch. Man hat das großartige Gefühl, endlich woanders angekommen zu sein, nicht mehr im Mittelpunkt irgendeiner auf einen selbst abzielenden Tourismusindustrie zu stehen, die einen möglichst nicht mit dem ‘woanders sein’ konfrontieren will. Aber Valladolid bröckelt an einigen Ecken, die stickige Mittagshitze riecht staubig, die Leute sind völlig desinteressiert, aber die auf Geländewagen mit Gewehren patroullierende Polizei ist etwas einschüchternd. Die wenigen Andenkenläden scheinen auch nicht so gut zu laufen. Dafür gibts überall was Interessantes zu beobachten und zu entdecken, die malerische Fremdartigkeit der Straßenzüge, der Menschen und der schummrigen Geschäfte erzeugen endlich die tiefe, vielfältige Spannung, die in den anderen Orten bisher für die Touristen mit Andenkenläden, Restaurants und Tourbüros weggeputzt wurden. Ich glaube, wir sind in Valladolid an keinem einzigen Restaurant vorbeigekommen. Aber so ganz ohne gehts dann doch nicht, und am Ende sind auch wir einfach nur Touristen, die sich nach dem Einchecken in besagter Casa Daniels erstmal in den wunderschönen Pool fallen lassen und den restlichen Abend bei Cola-Rum und Corona-Bier im Garten sitzen und Karten spielen.

Auch wir versuchen weiter zu tun, was sinnvoll ist: Sightseeing. Immerhin gibts keine andern Touristen mehr und wir rechnen uns idyllische Ruhe aus, wo vorher Trubel war. Am zweiten Tag gehts auf Cenoten-Tour. Nachdem die ersten zwei natürlich leider geschlossen sind, finden wir die sehr schöne Cenote Saamal auf der Hacienda Selva Maya. Wir scheinen die einzigen Gäste in dem riesigen wunderschönen Park zu sein. In den Andenkenläden in den historischen Gebäuden der Hacienda und an der Bar lümmeln verlegen ein Dutzend Mitarbeiter herum, das riesige Restaurant, in dem es später ein All-you-can-eat-Buffet geben soll, ist noch völlig verweist. Zuerst sind wir komplett alleine in der riesigen Cenote und haben alles für uns. Wir schwimmen durch das tiefe kalte Wasser, meditieren ganz theatralisch am Eingang zur Maya-Unterwelt und sonnen uns auf dem Holzsteg, der sonst von Menschenmassen überfüllt ist. Ein paar Mexikaner kommen noch dazu, ansonsten herrscht friedliche Stille bei perfektem Sonnenschein. Mittags gibts dann statt dem Buffet ein ausuferndes Mittagessen mit drei oder vier Gängen aus mexikanischen Spezialiäten. Wir werden von drei Kellnern gleichzeitig bedient und kriegen wirklich alles aufgefahren, was die Küche zu bieten hat. Irgendwann nach dem Kaffee sind unsere Handtücher wieder trocken und die Cenote schon wieder abgeschlossen, weil die Angestellten keine Lust mehr auf Arbeiten haben. Auch wenn wir es am Ende nicht mehr auf den 20m hohen ZipLine-Turm geschafft haben: es ist ein großartiger Tag und wir fühlen uns wie Könige, die alles für sich alleine haben. Wir fühlen uns also gar nicht so schlecht damit, die letzten Touristen zu sein, die noch unterwegs sind!

Am nächsten Tag wendet sich dann natürlich unser Blatt: Unsere Tagestour zu den Maya-Ruinen von El Balam endet vormittags an der nächsten Straßensperre, wo uns die nette Frau hinter der Fieber-Pistole erklärt, dass so ziemlich alle Cenoten und Ausgrabungsstätten in der Gegend mittlerweile geschlossen sind. All unsere andern Pläne, Chichen Itza nochmal anzuschauen, die prähistorischen Höhlen dort zu besichtigen und in Merida ein Maya-Museum zu besuchen, sind jetzt genauso unmöglich geworden. Bleibt uns nur noch, einen schönen Stadtbummel durch Valladolid zu machen und für den nächsten Tag unsere Sachen zu packen. Es geht also schon früher zurück nach Tulum, ohne zu wissen, was uns dort wohl erwartet. Abends gehen wir noch einkaufen und bewundern die riesige Pinata-Abteilung des Bretterbuden-Supermarkts, und als Charlotte und ich noch Cola & Rum im Schnapsladen einkaufen, machen wir lustige Erfahrungen mit der mexikanischen ‘Etikette’: Im Liquor Store sitzen gelangweilt ein alter braungebrannter Mann und eine junge Verkäuferin. Obwohl Charlotte bezahlt, gibt der alte Opa mir ganz umständlich das Rückgeld zurück. Als ich der Verkäuferin nochmal unseren Rum gebe, um ihn in eine Tüte zu packen, schnappt sich der ältere Herr mit klarem Rollenverständnis auch die Einkaufstüte, um sie nicht mir, sondern der Charlotte zu überreichen. So ist für ihn gottseidank alles wieder in die richtigen Bahnen gelenkt worden: der Mann trägt das Geld und die Frau schleppt die Einkäufe. Erinnert mich wieder an die große buddhistische Weisheit und ein schlaues Gebot für jeden Touristen: Beobachten ohne zu urteilen. Klar kann man seine eigenen Wertvorstellungen in die Welt raus tragen, aber ein Stück weit will man dadurch ja doch nur, dass alles bitte so ist wie zu Hause.

Urteilen sollte man besser auch nicht über unser Verhalten am letzten Abend in der Casa Daniel: Wir plündern hemmungslos die zurückgelassenen Getränke der restlichen Gäste, die uns im überstürzten Aufbruch einen bis oben hin mit Champagner, Wein und einem halben Dutzend Biersorten vollgestellten Kühlschrank vermacht haben. Wie die letzen Überlebenden in Dawn of the Dead spielen wir im Garten Karten und lassen uns fast für umsonst vollaufen.

Also sitzen wir am nächsten Tag wieder im Auto und fahren an kilometerlangen Schlangen an der Straßensperre vorbei, in Richtung Tulum. Weil wir es einfach nicht einsehn wollen, machen wir einen Abstecher nach Koba. Hier gibts eine riesige Maya-Pyramide, von deren Spitze man eine großartige Aussicht über den Dschungel haben soll. Wäre ja super, wenn hier noch geöffnet ist. Wir treffen aber auf dem riesigen, menschenleeren Parkplatz nur auf drei lustige Souvenirverkäufer, die die Pause nutzen, um ihren Laden umzubauen. Um den Weg nicht umsonst gemacht zu haben, springen wir aus dem Auto, um Andenken zu shoppen. Sara und ich wollen eine schöne Decke mit Maya-Muster haben und Saras Vater einen neuen Poncho mitbringen. Wir hoffen auf Sonderpreise, nutzen die ungeteilte Aufmerksamkeit des Ladenbesitzers für ausgiebigen Smalltalk: jede Nation hat hier wohl seine eigene Preislise, und für Deutsche gibt es Extra-Sonderpreise, die weit unter denen für US-Amerikaner liegen sollen. Reihum ziehen wir (inklusive Verkäufer) Poncho und Sombrero auf und machen Fotos, kümmern uns in gleichem Maße ums Geschäft und um gute Stimmung, und landen am Ende bei 1100 Pesos für Decke und Poncho. Alles in traditioneller Maya-Handarbeit und wir unterstützen damit ausschließlich die lokale Community! Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon riesige Palappas, unter denen alte, braungebrannte Maya-Omas in knallbunten, traditionellen Kleidern an aus Holzstöcken zusammengezimmerten Webstühlen diese tollen Decken zusammenklöppeln. Na gut, auch ich weiß, dass sowas immer aus irgendeiner, hoffentlich trotzdem noch in Mexiko liegenden Fabrik kommt und in Playa del Carmen finden wir dann später noch raus, wie sehr wir preislich übers Ohr gehauen wurden.

Kategorien: Weltreise 2020

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